Gesehen, geschätzt, doch oft missverstanden: Die österreichische Landwirtschaft im Realitätstest
Die österreichische Landwirtschaft ist ein wesentlicher Pfeiler für die Lebensqualität und Versorgungssicherheit unseres Landes. Eine aktuelle Studie von KeyQUEST im Auftrag der Nachhaltigen Tierhaltung Österreich (NTÖ) liefert nun faszinierende Einblicke in das Verhältnis zwischen Landwirt:innen und der Bevölkerung. Die Ergebnisse zeigen: Das Vertrauen ist da, doch es klafft eine erstaunliche Wahrnehmungslücke zwischen Selbst- und Fremdbild.
Ein Berufsstand mit Zukunft – und ein verzerrtes Selbstbild
Landwirt ist kein Beruf von gestern, sondern ein Top-Zukunftsberuf. In der Rangliste der gesellschaftlich wichtigsten Berufe landet der Landwirt mit 83 % Zustimmung auf Platz zwei – noch vor Handwerkern, Lehrern oder Polizisten und nur knapp hinter der Ärzteschaft (85 %).
Trotz dieser hohen Wertschätzung wähnen sich viele Landwirt:innen in der Defensive. Während beeindruckende 89 % der Bevölkerung ein (eher) positives Bild von den heimischen Landwirten haben, glauben nur etwa 50 % der Bauern, dass sie von der Gesellschaft positiv gesehen werden. Besonders alarmierend: Bei jungen Betriebsführern unter 30 Jahren vermuten nur 41 % ein positives Fremdbild. Diese „Pessimismus-Falle“ setzt sich beim Interesse fort: Landwirt:innen schätzen das öffentliche Interesse an ihrer Arbeit auf magere 11 %, obwohl sich tatsächlich 45 % der Österreicher:innen für landwirtschaftliche Themen interessieren.
Was die Menschen wirklich bewegt: Qualität, Tierwohl, Herkunft
Das Interesse der Bevölkerung ist viermal so hoch wie vermutet, doch die Schwerpunkte sind klar gesetzt. Die Top-3-Interessengebiete sind:
- Qualität von Lebensmitteln (67 %).
- Umgang mit Tieren (63 %).
- Herkunft von Lebensmitteln (58 %).
Interessanterweise herrscht bei der Definition von Tierwohl eine überraschend hohe Einigkeit zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft. Zudem sind 79 % der Bevölkerung überzeugt, dass Österreichs Standards deutlich über dem internationalen Niveau liegen.
Die Macht des persönlichen Gesprächs
Ein zentraler Grund für die gegenseitigen Missverständnisse liegt in der Kommunikation. Landwirt:innen überschätzen den Einfluss von Massenmedien (TV/Radio 83 %) auf die Meinungsbildung massiv. Die Gesellschaft hingegen bezieht ihr Wissen primär aus dem persönlichen Umfeld (44 %) und Kontakt mit Landwirt:innen (42 %). Während fast zwei Drittel der Landwirt:innen die mediale Berichterstattung als zu negativ empfinden, sieht die Bevölkerung diese mehrheitlich als ausgewogen an. Das Bild der Landwirtschaft wird also nicht durch Schlagzeilen, sondern „am Küchentisch“ und „am Hoftor“ geprägt.
Die Hürden für Investitionen und der Ruf nach Transparenz
Die Landwirtschaft ist bereit für den nächsten Schritt: 77 % der Landwirt:innen würden in zusätzliche Tierwohl-Maßnahmen investieren. Doch diese Bereitschaft ist an harte Bedingungen geknüpft. Die größten Hürden sind die mangelnde Planungssicherheit (26 %) – etwa durch sich ständig ändernde gesetzliche Vorgaben – sowie die fehlende Wirtschaftlichkeit (18 %).
Einig sind sich beide Seiten beim Wunsch nach Transparenz: 89 % der Bevölkerung und 96 % der Landwirte fordern eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung für tierische Produkte. Aktuell empfinden jedoch nur 59 % der Menschen die Kennzeichnung als klar und verständlich.
Fazit: Reden wir miteinander!
Die Studie zeigt deutlich: Die Landwirtschaft hat in Österreich eine starke gesellschaftliche Basis. Die größte ungenutzte Chance liegt im Dialog. Wenn Landwirt:innen verstehen, dass ihr Ansehen stabil hoch ist und Konsument:innen erkennen, welche Planungssicherheit für Investitionen nötig ist, kann die Erfolgsgeschichte der heimischen Landwirtschaft fortgeschrieben werden. Der direkte Bezug zum bäuerlichen Alltag ist bei Jüngeren zwar schwächer geworden, doch die Neugier ist da – man muss sie nur abholen.
Über den NTÖ
Die Rinderzucht Austria, die Schweinehaltung Österreich, der Österreichischer Bundesverband für Schafe und Ziegen (ÖBSZ), die Geflügelwirtschaft Österreich sowie die Arbeitsgemeinschaft Rind (ARGE Rind) und Pferd Austria haben 2016 den gemeinsamen Dachverein „Nachhaltige Tierhaltung Österreich“ gegründet. Damit sollen gemeinsam die Interessen der Tierhalter:innen aller Sparten vertreten und agrarpolitische Themen koordiniert behandelt werden.
20.05.2026Zurück
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